zur Kurzfassung
Man kann den Spieltrieb des altbayerischen Stammes auf die liturgische Prachtentfaltung
der alten bayerischen Klöster zurückführen. Schon im 15. Jahrhundert
gab es auch auf dem Lande Spiele zu besonderen Kirchenfesten.
In Flintsbach, der 2800-Seelen-Gemeinde im bayerischen Inntal, hat sich dieses
Theaterspielen bis in die heutige Zeit erhalten.
Die ersten Aufführungen der dörflichen Theaterspieler fanden im
Umkreis der Pfarrkirche St. Martin statt. Ein Auszug
aus dem Kirchenrechnungsbuch von 1675 gilt als erster gesicherter Nachweis
einer dörflichen Theaterkultur, so daß die Flintsbacher ,,Theaterer"
- so werden die Laienspieler in ihrem Dorf genannt - mittlerweile auf eine
über 325-jährige Schauspieltradition zurückblicken können.
Warum die ersten Aufführungen Spielen mit religiösem Inhalt in oder
neben der Kirche galten, ist nicht allein der besonderen Frömmigkeit
der Zeit, sondern auch den Autoren zuzuschreiben. Für das Land der Bauern
schrieben nämlich im 17. Jahrhundert überwiegend Geistliche aus
Klöstern.
Von 1680 bis 1823 fehlen uns Berichte über das Comedi-Spielen in Flintsbach.
Schuld daran war eine Brandkatastrophe, bei der im Jahre 1869 die gesamte
Theaterbibliothek verloren ging.
Daß seine Theatertradition fortbestanden hat und selbst obrigkeitliche
Verbote das ,,angestammte bayerische Laster", die Lust am Comedi-Spielen
nicht ausgerottet haben, kann Flintsbach durch einen steinernen Zeugen beweisen:
1823 hat der Wirt Franz Pallauf in Oberflintsbach einen Komödienstadel
errichten lassen. Sein Theaterstadel - so nennt man ihn heute - steht immer
noch. Er wurde inzwischen modernisiert, vergrößert und mehrmals
instandgesetzt. Seinen Charakter hat er dabei weder innen noch außen
eingebüßt. Auf seinen Brettern agieren Flintsbachs Schauspieler
noch heute so talentvoll wie damals. Das Volkstheater Flintsbach ist daher
in der einzigartigen Lage, seinen Besuchern neben dem wechselvollen Geschehen
auf der Bühne den echten Flair ländlichen Comedi-Spielens anzubieten.
Aus der Zeit vor der Gründung der Theatergesellschaft wissen wir wegen
der Brandkatastrophe von 1869 nur wenig.
1823 gab man den ,,Heiligen Alexius". Elf Jahre später wagte man
Größeres. Man bat um die Bewilligung einer Aufführung der
,,Leidensgeschichte Jesu", eines Passionsspieles.
Obwohl das Königliche Landgericht Rosenheim gegen die Aufführung
"kein polizeiliches Hindernis" fand, lehnte die Königliche
Kreisregierung zu München ab. Flintsbachs Komödianten gaben nicht
auf. Sie gingen nicht mehr zum Schmiedl, sondern zum Schmied und bekamen recht.
Seine Königliche Majestät Ludwig I. wies den Innenminister an, die
Aufführung zu bewilligen.
Ab 1842 bedurften "ständige Liebhabertheater" einer besonderen
behördlichen Bewilligung und dies führte schließlich in den
Jahren 1875/78 zur Gründung der Theatergesellschaft Flintsbach. Sie besteht
noch heute und trägt seit 1948 die Bezeichnung "Volkstheater Flintsbach
e.V.".
Am 13. Oktober 1948, kauften 43 Flintsbacher Bürger von dem Gastwirtsehepaar
Balthasar und Maria Schwaiger für 6000,- DM das Theaterhaus. Für
die 43 Frauen und Männer war dieses eine große und schwierige Aufgabe,
denn die D-Mark war erst ein halbes Jahr alt. Der Kassier mußte von
Woche zu Woche pro Mitglied 1,- DM einheben, daß er dabei seine liebe
Not hatte ist leicht verständlich.
Ungeachtet der finanziellen Schwierigkeiten aber machte man sich 1949 und
1950 daran, die Bühne des Theaterhauses und den Orchestergraben zu vergrößern.
Aus feuerpolizeilichen Gründen mußte 1967 ein neuer Treppenaufgang
errichtet werden. Hierzu verlängerte man das Gebäude nach Süden.
1969-1970 deckte man den gesamten Dachstuhl mit Eternitschiefer. In den 80er
Jahren wurden historische Vorhänge mit einem enormen Kostenaufwand denkmalpflegerisch
restauriert und die äußerst spartanischen Sitzreihen im Zuschauerraum
erneuert. Im Frühjahr 1998 war die Restaurierung der prunkvollen Bühnenfront
abgeschlossen und so erstrahlte sie pünktlich zum 175-jährigen Bestehen
des Gebäudes in neuem Glanz.
Mit viel Liebe und Können wurden diese umfangreichen Baumaßnahmen,
aber auch alle anderen notwendigen kleinen Änderungen dekorativ an den
Altbau angepaßt, so daß nichts von der Ursprünglichkeit des
Theaterstadls verloren ging.
Von 1875 an besitzt die Theatergesellschaft eine lückenlose
Übersicht von allen Aufführungen bis heute. In jüngster
Zeit wurden nur anspruchsvolle und groß angelegte Volksstücke aufgeführt.
Bei einem Besuch im Flintsbacher Theater kann man also sicher sein, daß
die ,,Theaterer" ihr ganzes Engagement einsetzen, niveauvolles Volkstheater
auf die Bühne zu bringen. Das sind sie ihrer über 325-jährigen
Tradition, ihrem fast 180 Jahre alten Komödienstadl und nicht zuletzt
ihrem Publikuin schuldig.
Trotz des Bekanntheitsgrades und des Erfolges sind die Flintsbacher Theaterspieler
bei ihrer Natürlichkeit geblieben. Auf dem historischen Hauptvorhang
von 1844 sind Figuren abgebildet, die das Gute und Böse, das Edle und
die Torheiten darstellen. In der Mitte steht Thalia, die Göttin der Komödie,
auf einem Piedestal, auf dem geschrieben steht:
Wenn die Tugend nachgeahmt
Das Laster verabscheut
Thorheiten vermieden
Und das Edle in Ausübung
gebracht wird
Dann erreicht die Muse des
Schauspiels ihren Endzweck
Unter diesem Leitspruch
setzt die Spielergemeinde die Tradition des ,,Comödispiels" fort,
zur eigenen Freude und zur Erbauung des Publikums.